Warum sollte ich mich an eine ungesunde Arbeitswelt anpassen?

ThinkAut 3

Heute möchte ich mal über etwas sprechen, was regelmäßig passiert, wenn man Menschen sagt, dass man eine Asperger Diagnose hat. Das gestaltet sich für die meisten ein wenig anders, als bei Greta Thunberg. Sie hat Glück, denn sie hat Unterstützung. Alles reden vom Klima, aber wie ist es um das Betriebsklima bestellt? Oder um das zwischenmenschliche Klima? Können wir auch das retten? Dazu erzähle ich jetzt mal etwas Persönliches, was mich – ehrlich gesagt – gerade ziemlich perplex macht!Ich arbeite derzeit an einem eigenen Projekt. Daher kann und möchte ich nicht Fulltime arbeiten.

Ich habe hier, bei einem Kurs, eine Frau, die vom ersten Tag an von meiner Diagnose wusste, kennengelernt. Ich habe ihr alles über Asperger erzählt, bei einigen gemeinsamen Gesprächen in der Kantine und auch, als sie mich einmal zu Hause besuchen kam.Im Rahmen des Kurses machte es Sinn davon zu berichten. Ich durfte den übrigen Teilnehmern in einem kleinen Vortrag alles darüber erzählen. Wir hielten Kontakt und sie erzählte mir einige Monate später von einem neuen Job, bei dem sie sich großen neuen Herausforderungen stellen musste, denn sie hatte so etwas noch nie gemacht.Ich konnte ihr viele gute Tipps und Ratschläge erteilen, weil ich einst genau so einen Job innehatte. Sie konnte also von meinen Hilfestellungen sehr gut profitieren.Ich war jahrelang in Führungsposition beschäftigt. Das war nicht leicht, aber es ging. Ich bekam diese Posten, weil ich extrem fleißig und engagiert war im Rahmen von Neugründungen von Firmen von Leuten, die mich schon kannten. Man kannte mich als „anders“.

Anderssein bedeutet nicht immer, dass man mit Ablehnung kämpfen muss, in der Kreativ-Szene wird sowas eher begrüßt. Aber von Asperger hat niemand was gewusst.Da ich, wie gesagt, mit einem eigenen Projekt beschäftigt bin, reicht mir ein kleiner Nebenjob.Und weil sie genau für so etwas auf der Suche nach professionelleren Mitarbeitern war, erklärte ich mich bereit, an zwei kurzen Schichten die Woche bei ihr zu arbeiten.Leider nur zum Mindestlohn. „Leider können wir nicht mehr bezahlen!“ Sehr glücklich war ich darüber nicht, aber ich dachte mir: Naja, sie weiß immerhin dass ich Asperger habe und kann wohl damit umgehen, dann wird der Job zumindest irgendwie nett und entspannt werden. Nach meinem Dafürhalten, kam ich sehr gut mit den Kunden klar.Es ging humorvoll und freundlich zu und das Feedback was ich persönlich erhielt, war doch sehr positiv. Doch auf einmal fingen sie und die andere Kollegen an, an meiner Art herum zu gängeln. Und zwar ziemlich energisch.

Man ließ mich den ganzen Arbeitsplatz aufräumen, putzen, neu organisieren und strukturieren, übertrug mir eklige Putzarbeiten, die sonst keiner machen wollte.Ich ordnete alle Arbeitsmaterialien und beschriftete sie.Außerdem fragte man mich, wie man die Social-Media-Kanäle gestalten sollte und lies mich ihnen hilfreiche Informationen geben, die eigentlich nicht im Preis von 9,20 € pro Stunde enthalten sind, sondern die mindestens 40 € pro Stunde wert sind.Aber, aus einem Gefühl freundschaftlicher Verbundenheit heraus, sah ich die Sache erstmal nicht zu eng, aber so step-by-step wurde mir dabei unbehaglich.Außerdem, fand ich 3 Monate später zufällig heraus, bekam die Kollegen einen erheblich höheren Stundenlohn als ich.Und das, obwohl sie gar nicht ausgebildet war und zum ersten Mal diese Arbeit machte.

Aber, sie hatte eine persönliche gute Verbindung zur Geschäftsleitung. Irgendwann nahm sie sich heraus, mich mehrfach unwirrsch zu kritisieren. Da sie sich aber fachlich nicht negativ über mich äußern konnte, störte sie sich an meiner Art und meinen Humor und wies mich schulmeisternd zurecht, obwohl sie auch ein paar Jahre jünger war als ich.Dabei war sie wieder meine Chefin, noch verfügte sie über die Fachkenntnisse, die ihr sowas erlauben könnten. Ich würde sagen, dass das, was mir da passiert ist, ganz und gar typisch im Berufsleben ist, für jemanden mit Asperger Diagnose. Solche und ähnliche Geschichten musste ich den sozialen Netzwerken immer wieder lesen.Einige Leute scheinen intuitiv richtig zu merken, dass man überdurchschnittlich motiviert und zuverlässig ist.Genau sowas brauchen sie. So jemanden kann man wunderbar Arbeiten verrichten lassen, die man selbst nicht kann oder nicht machen möchte. Und wenn man den Hals gar nicht voll genug kriegen kann, dann am besten noch jemanden, der ganz wenig Geld bekommt dafür und selbstunsicher genug ist, um das Ganze noch nicht mal zu durchschauen.Man braucht so jemanden als untergeordneten Mitarbeiter, auf keinen Fall in ebenbürtiger Position.Und wenn sie noch einen Chef über sich haben, der mitbekommen könnte, das bei seinen Arbeitnehmern jemand dabei ist, der fachwissender ist als man selbst, dann muss man irgendetwas finden, um diesen Menschen um seine Glaubwürdigkeit anders zu berauben.

Dann steht ein Zwiespalt, denn auf der einen Seite braucht man ja den Trottel, der diese Arbeiten günstig verrichtet, auf der anderen Seite ist dieser Trottel ja auch eine Gefahr, denn er könnte erstens durchschauen was los ist und dagegen unangenehmerweise aufbegehren oder jemand anders könnte es durchschauen und diesen „Trottel“ zu eigenen Ungunsten aus dieser Lage befreien.Und so wird an einem wegen Nichtigkeiten und Lapalien herumkritisiert, aber – und das ist das Entscheidende! – gehen soll man trotzdem nicht. Man soll sich minderwertig fühlen, aber unbedingt bleiben. Wer sich nicht jeden Schuh anzieht, den man ihm hinstellt, dem sagt man: Du kannst keine Kritik vertragen! – ABER: Es war gar keine Kritik! Kritik kann man an der Arbeitsmoral, am Fachwissen oder am Engagement üben! Aber wenn ich das Wesen meiner Kollegen in Fragen stelle, dann mag ich sie eben einfach nicht. Das ist was auf der persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene, das hat mit der Arbeit meist nichts zu tun. Natürlich gibt es Autisten, die sind nicht “publikumstauglich”, aber die haben meist auch gar keinen Job je gehabt und sind in Therapie, haben schwere Probleme grundsätzlich im Alltag überhaupt zu überleben.

Das Beschriebene ist für viele Asperger-Autisten der Arbeitsalltag in Deutschland. “Autismus” light gilt einerseits als durchaus noch gesellschaftsfähig, aber andererseits auch als extrem naiv. Und täglich grüßt das Murmeltier: Ich dachte ernsthaft, jetzt, wo ich solche Muster durchschaut habe, passiert mir sowas nicht mehr. Aber es wiederholt sich immer wieder. Und langsam gebe ich auf zu glauben, dass es noch mal anders sein könnte. Wenn dann nur für einzelne, aber nicht grundsätzlich.Dazu müsste sich diese Gesellschaft drastisch verändern und umdenken. Das zwischenmenschliche Klima müsste sich grundsätzlich verändern und das würde für viele Menschen bedeuten festgefahrende Glaubenssätze abzulegen und zu überdenken. Ein philosophischer Wandel, den eine abhängige Gesellschaft wie diese sicher kaum leisten kann, denn sie zerstört nicht nur die Umwelt, sondern sich selbst.

Eine Gesellschaft voller Lemminge und Egos, nicht voller liebender und gesunder, selbstständiger, wacher und bewusster Menschen! Eine Gesellschaft, die sich an alberne und kleingeistige Konventionen hält, die sie selbst verachtet, aber lieber einhält, für eine zweifelhafte Karriere, das Ansehen und den kranken Neid von Leuten, die sie selbst nicht leiden können.Befinden wir uns tatsächlich in einer immerwährenden Opferrolle? Oder können wir mit Eigenverantwortung und wachem Geist ein souverändes und selbstbestimmtes Leben fühlen, ohne ausgebeutet und benutzt zu werden? Können wir das ändern, individuell und insgesamt? Individuell sicher ja – siehe Greta – gesamtgesellschaftlich wohl eher nicht – siehe Gesamtsituation für Autisten in Deutschland. Bevor alle wussten, dass ich Asperger habe, hat man mich gerne nach vorne geschoben und fand mich oft sogar besonders originell und publikumstauglich. Einer meiner früheren Chefs meinte sogar, ich solle im Namen des Unternehmens mit der Presse sprechen und es nach außen vertreten, genau wegen meiner „anderen“ Art.

Er hatte keinen Schimmer von Asperger.In keinem Job haben sich Kunden über mich beklagt, naja, oder zumindest nicht viele. Zumindest wurde mir nie eine Kündigung deswegen ausgesprochen, was ja wohl vielleicht sicher mal passiert wäre, wenn mein Auftreten so herausragend unangenehm gewesen wäre. Wer beschwert sich statt dessen? Kollegen, mit denen ich vielleicht zu wenig geplaudert und Intimitäten ausgetauscht habe.Ich freundlich, aber reserviert.

Jetzt schreibe ich aber trotzdem mal darüber, einfach deswegen, weil ich solche Geschichten eigentlich immer im Netz lese und weil in Autismus Gruppen immer wieder sowas erzählt wird.Meine Überlegung ist eigentlich, sich der Frage zu stellen, die man das lösen kann.Ich habe mich auch immer wieder gefragt, wenn andere sowas berichteten, ob sie halt einfach Pech gehabt haben, und beim nächsten Mal wird es bestimmt besser.Aber es ist, wie gesagt, ein klassisches Muster. Und es fühlt sich im höchsten Maße unangenehm an.Daher meine Frage: Was kann man endlich dagegen tun?

Was kann man machen, damit nicht in dieser Gesellschaft intelligente und fähige Menschen resignieren und sich völlig zurückziehen? Damit stehen ihre Fähigkeiten, ihre Leidenschaft und ihr Engagement dieser Welt und dieser Gesellschaft nicht mehr zu Verfügung.80 % aller hoch- und höchstbegabten Asperger Autisten (IQ 130 < ) sind teilweise arbeitslos oder arbeiten in Deppen-Jobs – sorry, wenn ich das so sage – in Behindertenwerkstätten.Einzelne, inklusive mir, schaffen es sich hin und wieder aus dieser ungünstigen Situation zu befreien, und zwar indem sie komplett verschweigen, dass sie Autisten sind und stattdessen ein beinahe Hollywood-reifes Schauspiel abziehen, das bis hin zur völligen Selbstaufgabe gehen kann und oft im Burnout endet.Greta Thunberg kann wahrlich nicht als Parade-Beispiel für alle Asperger Autisten dienen und die Reizüberflutung, der sie sich täglich aussetzt, ist immens.Aber vermutlich kann sie das gut kompeniseren, weil sie sich auf EIN Thema konzentriert.

Henry Markram beschreibt hier sehr gut, wie sich das anfühlt: https://www.facebook.com/VonAutistenFuerAutisten/posts/2460905937508062
Der Irrsinn dabei: Man passt sich an eine Welt und Gesellschaft an, die ihrerseits überhaupt nicht gesund ist. Und und er sich auch „normale“ Menschen zum großen Teil überhaupt nicht wohlfühlen.
Das stelle ich zur Diskussion.

3 thoughts on “Warum sollte ich mich an eine ungesunde Arbeitswelt anpassen?

  1. Hallo ich bin 31 Jahre jung und auch Autist. Kenne die benannten Probleme. Ich wohne in Ost Westfalen. Ich bin depressiv und von h4 lebend.soll nun eine massnahme machen. Grüße Alex n.

    1. Welche Maßnahme denn? Falls Dir selbst etwas einfällt, was Du tun kannst, dann musst Du nicht das machen, was das Jobcenter Dir vorschlägt. Vielleicht findest Du ja eine interessante Weiterbildung, die Dir wirklich was bringt… das Jobcenter macht immer denn solche „Maßnahmen“, wenn man Ihnen nicht selbst sagt, was man machen will… dann denken die sich halt was aus und das ist dann aus der Sicht der Betroffenen nicht immer das Beste oder Richtige…

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