Ein Artikel über “Autismus und die sozialen Netzwerke” und wie dort das Thema Asperger-Autismus ad absurdum geführt wird.

#asperger#aspies#aspergers#fehldiagnose#autismus#ellaschön#autisten#socialmedia

Immer wieder schreiben Aspies oder Leute, die sich eine Asperger-Diagnostik wünschen in anderen Gruppen darüber, was bei ihnen nicht zu Asperger passt und dann liest man Dinge wie: “ Ich interessiere mich eher für nichts so wirklich“ (Falls diese Einschätzung stimmt und dahinter nicht einfach nur Schuldgefühle stecken, weil man sich als Kind nicht mit seinen Interessen beschäftigen durfte ) – „Ich kann auch manchmal echt richtig fies und gemein sein“ – „Also, Aspies sind nicht bessere Menschen, die können auch manipulativ sein…” – “Ich hab echt einen super großen Freundeskreis und gehe gerne auf Techno-Festivals mit denen” usw. Also wirklich Dinge FERNAB jeder Diagnosekriterien!

Okay, das klingt ehrlich. Doch betrachten wir das mal weiter: Zugleich klagen sie über Mobbing und, dass man sie nicht versteht und „wie schrecklich oft NTs wären“.

Warum aber reagieren sie dann wie folgt auf andere Aspies, die wegen autismusttypischem „DasHerzaufderZungetragen“ in Gruppen als durchaus klassisch autstisch auffallen? Statt positiv und verständnisvoll darauf zu reagieren, was andere Autisten schildern, kommt sehr schnell ( sogar gegenüber einem Neuen in der Gruppe): „Nur weil er Aspie ist muss er nicht meinen sich daneben benehmen zu müssen. Er hat hier keinen Freibrief für so ein Verhalten, nur weil er Aspie ist“ – wobei zugleich noch zu bemerken bleibt, dass er sich meistens sehr höflich ausgedrückt und keinesfalls Vulgärsprache verwendet hat.

In der Regel hatte er eine Frage, sein Herz ausgeschüttet, war einem Gedanken nachgehangen und wünschte Austausch mit anderen oder wollte Hilfe dabei, etwas besser zu begreifen, zu hinterfragen und zu analysieren. Oder er war einfach mal nur lustig und albern gestimmt, sah Dinge positiv und von der heiteren Seite. Was er/sie schrieb war einfach nur ungewöhnlich, anders, eigen – aber weder strafrechtlich bedenklich oder gewaltvoll. Es war nur ehrlich, aus dem Innersten, sehr persönlich oder sehr kreativ, abstrakt.

Doch was passiert? Alle anderen „Autisten“ gehen freundlich und gelassen damit um!? Nein. Leider nicht.

Er/sie gerät womöglich sogar in die selbe Lage, unter Aspies, die zuvor viele selbst in der NT Welt beklagt haben. Wie aus dem nichts heraus sieht er sich umringt von aufgebrachten Personen, die seinen Thread bevölkern und ihm im Kollektiv eine miese Charaktereigenschaft nach der nächsten unterstellen und die genau das tun, worunter sie ihren eigenen Berichten zufolge selbst leiden, nämlich, dass NTs sie falsch bewerten, man ihnen angeblich falsche Absichten unterstellt, sie unter Missverständnissen leiden und so weiter.

Warum nicht gerade deshalb !!! doppelt nachsichtig und freundlich bei anderen Autisten?

Warum nicht erst mal nachfragen, wie es denn gemeint war!? “Hallo, schön dass Du da bist. Sag mal, hab ich Dich gerade richtig verstanden?”Wenn man dann – weil selbst Autist – als Außenstehender vorsichtig Partei für den Unverstandenen einnimmt und dabei auch versucht deeskalierend einzuwirken kommen die „Ich bin kein Engel, sondern Autist, ja!“- Autisten daher und feinden einen als Hilfe-Anbietenden auch noch mit an, statt anzunehmen und zu erkennen, dass hier gerade nur (was doch immer mal vorkommen kann) ein Missverständnis besteht, auch dem Medium zugeschrieben. Meistens wird man dann auch gleich mit rausgeschmissen, so lange bis einige Leute sich nicht mal mehr trauen überhaupt noch Menschen zu verteidigen oder ihre Meinung zu sagen, weil sie befürchten auch aus der Gruppe gestoßen zu werden.

Für Aspies kann sowas traumatisch sein, denn sie kennen das Muster oft schon aus Schule und Ausbildung usw. Ihre Hoffnung war endlich mal doch wo dazuzugehören und Teil einer Gruppe von Menschen zu sein, die einem verstehen. Auch wenn Autisten sich sehr gut alleine beschäftigen können, freuen sich viele über Gleichgesinnte oder wohlmeinende Menschen!

Was ist passiert? Ein Missverständnis! Ist doch nicht schlimm. Kann doch passieren. Kann man doch später zusammen drüber lachen! Aber nein. Als nächstes wird also drauf bestanden, dass dieser TE Autist böse ist, Persona Non Grata.

Er wird aus der Gruppe entfernt, egal wie oft er schon verzweifelt oder andere versucht haben zu erklären, was eigentlich gemeint war. Oft geht es noch weiter… Sobald er rausgeworfen wurde entlädt sich noch ein weiterer Shitstorm über ihn, den er dann noch nicht mal mehr lesen kann, aber seinen Ruf und sein Ansehen beschutzt!

Ich war neulich so eine Außenstehende. Ich hab mir auch bei anderer Gelegenheit noch die Bemerkung erlaubt, dass Aspies doch eigentlich bekannt dafür seien NICHT so schnell zu urteilen. Ab da heißt es nur noch sinngemäß : „Hey, Aspies sind verschieden. Man muss weder ein Engel sein, noch sonst irgendwas. Nur weil ihr so Klischee Aspies seid und hier nichts als Klischees über Asperger erzählt.“

Plötzlich sind  also anerkannte Diagnosekriterien nur noch „Klischees“ und auf einmal sind Muster aus bestimmten Persönlichkeitsstörungen „auch Asperger, weil Aspies verschieden sind“ – ein Mensch, der sich “typisch” autistisch verhält und Schutz braucht – wird zum “Troll” oder “Möchtegern-Autisten” – während in ihn alles hineinprojiziert wird, was sie selbst gerade tun!

Es braucht oft nur einen Tag in einer Gruppe und dem Betreffenden wird sogar seine Diagnose in Abrede gestellt.

Wunderwelt Wahrnehmung.

Ja, Autisten sind verschieden in Statur, Frisur, Interessen, Prägungen, Umfeld, Hobbies auch in Bezug auf Familie und Freunde unterschiedlich gefördert, unterschiedlich erzogen usw. Andere Ängste, Umstände. Sorgen, Freuden, Erlebnisse, anderes Timing… manche sind depressiv, manche weniger. Manche haben gerade eine Krise, andere sich gerade gut geordnet! Andere schaffen Dinge, haben Hilfe, andere nicht. Einige sind optimistisch gestimmt, andere eher verzweifelt.

Sie sind keine besseren Menschen, aber sie ticken anders. Sie mögen auch mal aus der Rolle fallen, aber es ist nicht ihre Natur. Sie halten es auch nicht lange durch. In der Regel hat ein Autist, der mal gelogen hat, ein ungutes Gefühl dabei – aber ein Antisozialer/Soziopath tut das unentwegt ohne Skrupel. Es bestimmt durchaus sein Leben, dass er keine Gewissensbisse hat. Vermutlich gibts auch schwersttraumatisierte Autisten, die aus Verzweiflung sehr fragwürdige Wege versuchen um sich zu behaupten, aber es ist nicht Teil des Autismus, sondern Folge von einem sehr schwierigem Leben unter sehr widrigen Umständen, und das ist – im Gegensatz zu Autismus – sogar heilbar. Das sind Muster die sich meistens nur zeigen, wenn ein Aspie in einem toxischen Umfeld ist. Er wehrt sich auf die Art und versucht zu vermeiden schon wieder falsch verstanden zu werden.

Ein Psychopath hingegen kann gar nicht anders und empfindet nicht mal Reue dabei. Aber bei Autisten ist immer dieses autistische Wesen erkennbar, kommt immer wieder raus. Auch darauf muss man Rücksicht nehmen, dass man gerade ja gar nicht weiß, wo der andere steht, wie es ihm geht, ob er stabil ist!

Fakt ist: Autisten sind keine Heiligen, aber sie sind nicht Menschen, die die klassischen Muster von Borderlinern, Antisozialen oder Narzissten offenbaren und an den Tag legen. Warum haben die „richtigeren“ Autisten einen Freibrief „Klischee-Autisten“ zu mobben?

Und dann noch mit der fadenscheinigen Begründung „nicht auf Teufel komm raus jeden Aspekt der Diagnostik erfüllen müssen“ – und so weiter.

Autisten sind nicht “die besseren Menschen” – aber sie sind nicht zugleich alle Borderliner.

Nicht nur das: Sie legen eben ganz oft genau NICHT die Muster von Borderlinern an den Tag. Sie urteilen NICHT schnell, sie analysieren genau, sie reagieren weniger emotional, sie haben keine wahllosen Launen, sondern reagieren auf Reize, die sie überfluten.

Sorry, aber wer sich wie ein Borderliner aus dem Lehrbuch aufführt der IST nun auch mal einer, da kann er mir zig Autismus-Diagnosen (für die er irgendwo 300 Euro bezahlt hat) “vorweisen”.

Ich bitte hiermit Ärzte und Diagnostiker behutsamer bei der Diagnosestellung zu sein und sich nicht so schnell täuschen zu lassen. Viele Autisten sind wirklich Autisten.

Der überwiegende Teil.

Aber immer wieder kommt es vor, dass Autisten zu Anfang für Borderliner gehalten und sicher auch Borderliner irrtümlich als Autisten eingeschätzt wurden. (Fehldignosen sind wohl auch menschlich. Ich hatte auch schon Pfeiffersches Drüsenfieber und wurde mit Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert.) Nichts gegen Mediziner. Aber es passiert. Wir alle wissen das.

Doch es hat Folgen.Wenn die sich dann eben auch nicht nur wie solche verhalten, sondern dieses toxische Verhalten auch noch an anderen ausleben, die danach ein völlig falsches Bild von Asperger haben.

Irgendwann sagen sich Menschen, die Kontakt mit Fehldiagnostizierten hatten: „Also, die Autistin, die ich kenne ist echt nicht so zuverlässig, ehrlich oder interessiert wie immer behauptet wird. Die kann richtig fies und gemein werden“ – und ein vermeintlicher „Klischee-Autist“ wird wieder mal nicht gesehen oder muss mit Vorbehalten rechnen, weil einige so ein verzerrtes Bild über Autismus virtuell verbreiten, dass es fast schon weh tut.

Und all das da oben Beschriebene passt auch nicht zu diesem Gerechtigkeitssinn, den ich von so vielen Aspies kenne!

Jemanden so auflaufen zu lassen ist ungerecht und hat nichts mit Autismus zu tun.

Oft erntet der „Klischee-Autist“, dem wahlweise vorgeworfen wird „zu klischeehaft“ zu sein oder „gar kein Autist zu sein“  dann noch das Label „überempfindlich“… Erst greift man ihn/sie an, drängt sie/ihn in eine Ecke, entwertet sie/ihn immer wieder als Menschen (er/sie sei paranoid, brauche einen guten Therapeuten, solle „seine Medikamente nehmen“) und sollte das tatsächlich zu einer Reaktion aus Angst gepaart mit Verunsicherung führen, wird er als kritikunfähig und natürlich vor allem überempfindlich bezeichnet. Und ich wiederhole es an der Stelle noch einmal: All das mutet man einem Menschen zu, den man in seinem ganzen Leben noch nie gesehen oder gesprochen hat.  

Das Ganze ist hochgradig toxisch. Hier ein interessanter Link dazu, der diese schwer kränkenden und Kommunikations-Dynamiken erklärt: http://www.rhetorik.ch/Toxisch/Toxisch.html

Wenn noch nicht mal der „sprichwörtliche Gerechtigkeitssinn“ der Autisten dabei aktiv wird – was genau soll denn dann überhaupt Autismus sein? Wozu überhaupt eine Diagnostik, wenns am Ende alles und nichts sein kann?

Autisten werden wütend, zornig, verlieren die Fassung, wenn sie sich nicht verstanden fühlen, verstehen manchmal andere nicht, können die NT Welt nicht nachvollziehen, aber sind nicht fies, gemein, sadistisch, link, verschlagen oder durchtrieben, was sie manchmal schwach erscheinen lässt. Was manchmal dazu führt, dass sie andere das nicht gleich durchschauen, bis sie es lernen. Aber Manipulieren, Dissen, Schnelles-Verurteilen, toxische Kommunikation, Lügen, Slander, Emotional Blackmail, Scapegoating – und das auch noch im Mob mit anderen – das gehört zu ganz anderen Störungen.

Ich hab echt lange dazu nichts gesagt. Aber genug ist genug!

Von Anja Gsottschneider

1 Kommentar

  1. Ja, diese Art Mobbing ist echt fies. Die merken gar nicht, wie viel die damit kaputt machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.